Starke Diskrepanz zwischen persönlich geschätzter und statistisch erhobener Lebenserwartung

Laut Statistik könnte es nicht besser sein: Die Lebenserwartung der Deutschen steigt stetig. Momentan liegt sie für Männer bei 85 Jahren; bei Frauen sogar bei knapp 89 Jahren. Dennoch liegen Datenmaterial und eigenes Empfinden bezüglich der Lebenserwartung weit auseinander. Ein Versuch der Klärung, warum dem so ist.

Persönliche Schätzung der Lebenserwartung fällt deutlich geringer aus

Wenn die Deutschen angeben sollen, wann sie voraussichtlich sterben, lässt sich häufig eine hohe Differenz zwischen eigener Prognose und statistischen Werten feststellen. Im Zuge einer Forsa-Umfrage fand man heraus, dass Männer ihre Lebenserwartung auf 77,4 Jahre taxieren, Frauen immerhin auf 80,8 Jahre.

Grafik: Lebenserwartung

Dies bedeutet eine Unterschätzung der statistischen Lebenserwartung um sieben bzw. fast acht Jahre. Eine weitere Zahl unterstreicht die Diskrepanz zwischen persönlich geschätzter und statistisch erhobener Lebenserwartung: Etwa 90 % der Umfrageteilnehmer gaben eine Lebenserwartung unterhalb des Mittelwertes ab.

Diskrepanz kein isoliert deutsches Phänomen

Nicht nur die Deutschen sind schlecht darin, ihr Sterbealter zu schätzen. Auch eine Studie der University of California in San Francisco aus dem Jahr 2015 lieferte ein ähnliches Ergebnis: Gut ein Drittel der Teilnehmer gab an, vermutlich eher zu sterben, als die Statistik es einschätzt.

Zurückführen kann man diese Ergebnisse darauf, dass Altwerden noch eine recht neue und ungewohnte Erscheinung ist. Ende des 19. Jahrhunderts lag die Lebenserwartung in Deutschland für Männer bei 45 Jahren, für Frauen bei knapp 50 Jahren. Erst während des 20. Jahrhunderts kam es zu einem enormen Anstieg. Man vermutet also, dass die Selbstwahrnehmung der meisten Menschen noch nicht mit dieser Tendenz übereinkommt.

Eltern als wichtiger Orientierungspunkt

Darüber hinaus nehmen viele Menschen als Orientierungspunkt für die eigene Lebenserwartung das Sterbealter der Verwandten zur Hand, vor allem der Eltern. Der Blick in die Vergangenheit führt jedoch in die Irre, da für jede Generation andere Bedingungen angenommen werden müssen – und damals waren diese nicht zwangsläufig schlechter als heute.

Lebenserwartung wird dank medizinischem Fortschritt weiter steigen

Dank des medizinischen Fortschritts und des vorherrschenden Wohlstands ist eine stetige Steigung der Lebenserwartung äußerst wahrscheinlich. „Pro Jahrzehnt gewinnen wir rund 2,5 Jahre an Lebenszeit hinzu“, sagt Professor Jochen Ruß, Geschäftsführer des Instituts für Finanz- und Aktuarwissenschaften. Somit wird jede Generation um 7,5 Jahre älter.